Biografie


KS_2014-1Zwischen den Welten
Die Künstlerin Maila Barthel, Schauspielerin, Autorin und Diseuse, hat auf der `Roten Insel´ in Schöneberg ihr Refugium gefunden. Nach einer weiten Reise hat die Ur-Berlinerin ihre Geburtsstadt aus freien Stücken wieder zu ihrer Heimat gemacht. Sie erzählt uns, wie es sie nach einem Inselkoller wieder auf eine Insel verschlug, auf die ‚Rote Insel’ in Schöneberg.

TanzGeboren und aufgewachsen ist Maila Barthel in Berlin-Wilmersdorf. Ein längerer beruflicher Abstecher des Vaters in die USA, der Frau und Tochter mitnimmt, legt den Grundstein für künftiges Fernweh bei der Siebenjährigen. Wieder in Berlin, ist jedoch vorerst der Besuch der Tanzschule R. Keller zukunftsweisend.


Maila und das Fernweh
Das Turniertanzen, insbesondere in den lateinamerikanischen Tänzen, lockt Maila, auch wegen der glitzernden Kleider. Ein schneller Aufstieg in den Turnierklassen, nach der Schule eine dreijährige Tanzlehrer-Ausbildung im Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-verband (ADTV) und das Hobby wird zum Beruf. Ein Traum!

Bild 119

`Himmel ohne Obdach´ Foto: Maximilian Hinze

Neben der Tanzqualifikation erwirbt sie einen Abschluss als staatlich geprüfte Fremdsprachen-wirtschaftskorrespondentin. Beides besteht sie mit Bravour, trotz einer 70-Stunden-Woche zwischenzeitlich. Danach ruft wieder die Ferne: Boston, Miami. Dieses Mal hält sich die Begeisterung für den anderen Kontinent in Grenzen. Außerdem fehlt eine „Green Card“. Wieder in Berlin ist sie lange als Trainerin für Hobby- und Turnierpaare in der TS Hegenscheidt, dem Berliner Tanzsportclub sowie Schwarz-Weiß-Club Berlin tätig. Das eigene Turniertanzen, jetzt als Profi, fällt der Arbeit zum Opfer. Die Angst vor Routine gibt den Ausschlag, wieder das Weite zu suchen: „Träume ändern sich“.


Der Traum von der grünen Insel
Ziel der inzwischen 26-Jährigen ist jetzt eine Insel in Süditalien vor der Amalfiküste: Ischia, auch „l`Isola verde“ genannt, die grüne Insel: „Romantische Musik, Archaik, Palmen, das Meer, ein Mann, der Duft des Fremden“. Hier will sie sich niederlassen. Gemeinsam mit einer Schulfreundin bewirbt sie sich ohne Italienischkenntnisse bei „International Tourist Services“ als Reiseleiterin. Mit halbem Erfolg: Der viertgrößte Reiseanbieter setzt sie in Riccione an der Adriaküste ein, in der folgenden Saison arbeitet sie dann endlich auf ihrer Trauminsel.

Bild_Kiki_02

Wir können fliegen: Kikerikiste von Paul Maar Foto: Maximilian Hinze

Doch der Inseltraum löst sich schnell in Rauch auf: 60.000 Einwohner und 36 qkm sind für die Großstädterin eine enorme Begrenzung. „Die Wassermassen zwischen Insel und Festland schlagen Wellen in Kopf und Herz.“ Auch die Mentalitätsunterschiede hat sie weit unterschätzt. Trotz familiärer Anbindung durch den Lebensgefährten, einem Ischitaner, fühlt sie sich jeden Tag fremder. Mit einem regelrechten Inselkoller und der Bemerkung, Ischia sei die schönste Insel der Welt, allerdings ohne Bevölkerung, kehrt sie – nach einem kurzen Abstecher in die Schweiz, wo sie regelrechten Hass auf Deutsche zu spüren bekommt – wieder nach Berlin zurück. Der ischitanische Lebensgefährte folgt ihr, kehrt nach der Trennung fünf Jahre später zu seinen Wurzeln zurück.


Kunst ist ihre Profession
Berlin, jetzt aus freien Stücken gewählt, wird endlich zur Heimat: Mit seinen unterschiedlichen Gesichtern, seinen krassen Gegensätzen, der Anonymität einerseits, Freunden und der Familie anderseits. Eine einschätzbare Mentalität ist ihr wichtiger als der morgendliche Blick auf die Weite des Meeres. In die Tanzschulen und Clubs, denen sie den Rücken zugewandt hat, will sie nicht zurückkehren. Sie arbeitet in einem Immobilien- und Architekturbüro, beginnt ein Studium für Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing. Den Abschluss macht sie mit Bravour. Die Recherchen zu ihrer Diplomarbeit „Die Ware Tier – Tier und Gesellschaft im industriellen Wandel“ sind eine fast unerträgliche Herausforderung für die Vegetarierin. Auf den Praxisteil „Schlachthof“
verzichtet sie schließlich.

Parallel zum Studium absolviert sie eine Schauspielausbildung. Sie spielt in etlichen Theaterproduktionen, u.a. am Hansatheater, Fernsehauftritte folgen, vorwiegend in Serien, aber auch Kino, ebenso wie in Hochschul- und Low-Budget-Produktionen. Zusätzlich widmet sie sich dem Schreiben, absolviert eine Ausbildung als Autorin für Film und TV an der Masterschool Berlin. Fünf Theatermonologe entstehen, mehrere veröffentlichte Kurzgeschichten, zwei im Buchhandel erschienene Gedichtbände und zwei Theaterstücke unter einem Pseudonym. Ein fertiges Treatment sucht einen öffentlichen Sender!


Auf der ‚Roten Insel’
Seit neun Jahren lebt die umtriebige Wilmersdorferin in Schöneberg. Sie schätzt diesen Bezirk inzwischen sehr. Vorher wohnte sie in Steglitz-Zehlendorf und dem ehemaligen SO-36, dem tiefsten Kreuzberg. Gerne wäre sie in die Bergmannstraße gezogen. Doch dort fand sich keine passende Wohnung und der schöne Stuck ihrer jetzigen Altbauwohnung gab schließlich den Ausschlag. Im Bergmannkiez fehlt ihr sowieso das Grün zwischen den Häuserfassaden.

Schiffbrüchige

Schiffbrüchige im Vergnügungspark mit Adolfo Assor

Fast eine Ironie des Schicksals ist es, dass sie in die Nähe der Kolonnenstraße zog. Gerade die Kurve mit der riesigen Schule zwischen den bedrohlich wirkenden Häuserfassaden war ihr als Kind immer unheimlich, weil sie aussah, als würde es dahinter nicht weiter gehen. Auf ihren Fahrten mit dem 4er Bus vom Fehrbelliner Platz zu den Urgroßeltern, die in der Hermannstraße wohnten, atmete sie erst beim Rosinenbomber des Flughafens Tempelhof wieder auf.


Foto: K. Matthies

Foto: K. Matthies

Faszination Theater und Chanson
Das Einfrauenstück „Inselkoller“ vor drei Jahren, das mit freundlicher Unterstützung des Kiezfonds Kolonnenstraße entstand, widmete sie ihrem Kiez und deren Bewohnern. Im vergangenen Jahr entstand – ebenfalls mit Unterstützung des Kiezfonds – in Zusammenarbeit mit dem Pianisten Frank Augustin und der Drehbuchautorin und Filmerin Lih Janowitz ein Programm über Hildegard Knef mit ihren Chansons. Die Berliner Diva wuchs schließlich nur wenige hundert Meter entfernt auf, in der Leberstraße, der damaligen Sedanstraße. Das Knef-Programm würde Maila gern regelmäßig im Kiez zeigen. Am liebsten auf dem Gelände des Gasometers, der wie der Mythos der Berliner Diva auch ein Wahrzeichen Schönebergs ist. Aber auch neue Musik- und Theaterprojekte sind in Planung.


Der Brel/Villon-Abend
Am 30. August wird es erst einmal eine neue Premiere im Kiez geben, in der Produzentengalerie Knut-Werner-Rosen in der Crellestraße, wieder gemeinsam mit dem Musiker Frank Augustin, der sich in Schöneberg und anderswo unter anderem mit seiner Band ‚Die Passanten’ einen Namen gemacht hat. „la BREL“ heißt das neue Programm, ein Abend mit Liedern von Jacques Brel & Francois Villon. Maila Barthel wird die Lieder von Jacques Brel (1929-1978) interpretieren. Sie fühlt sich dem gebürtigen Belgier, der mit seinen Liedern zu seiner Zeit alle Grenzen sprengte, sehr verbunden. Er nahm das Publikum mit seinen Texten und Liedern auf seine Reisen und Fluchten mit, teilte mit ihm seine Ängste vor Alter und Tod. Maila schätzt seine einfachen Worte und die direkte Ansprache, seine Auseinandersetzung mit den Abgründen des Lebens, die er zumindest in seinen Chansons geführt hat.

Frank Augustin wird innerhalb des Programms „la BREL“ einen Auszug selbstvertonter Lieder und Balladen von Francois Villon (1431- nach 1463) vorstellen: Wissenshungrig, spottlustig, genial und schlagkräftig, mehrfach eingekerkert, gefoltert, zum Tode verurteilt, freigelassen, mit Verbannung belegt und mit Anfang 30 spurlos verschwunden. Augustin und Barthel wollen für 90 Minuten den Mut und Lebenshunger, die Intensität zweier unvergessener Künstler auf die Bühne bringen.


Vision „la BREL“
Der Brel/Villon – Abend soll ein Auftakt sein für ein Programm mit eigenen Chansons: Texte von Barthel und Kompositionen von Augustin: Drei Texte sind bereits fertig: „Gläserne Welt“, „Die jungen Alten“ und „Tacheles“. „Tacheles – in Zeiten wie diesen“ lautet der Arbeitstitel des Programms. Maila will sich dann ‚ la BREL’ nennen, in Anlehnung der ursprünglichen Bedeutung dieses Namens, der von „la brêle“ abgeleitet ist, was im französischen Militärjargon abfällig „Maultier“ bedeutet.

Foto: SuiradO

Foto: SuiradO

Ihre Affinität und Achtung gegenüber den Brelschen Chansons will sie mit diesem Namen zum Ausdruck bringen, Lyrik, Schlager und Realität. In ihnen findet sie, worum sie selbst immer wieder ringt: „Um Klarheit und Direktheit bei der schmalen Gratwanderung im Versuch, nicht die Augen zu verschließen vor den Unwägbarkeiten des Lebens und dennoch den Blick für das Schöne nicht zu verlieren. Für mich die Quelle für Kraft und Lebensmut!“ Für Maila haben sich einige Kreise geschlossen. Trotz ihres italienischen Inselkollers ist sie wieder auf einer Insel gelandet: der ‚Roten Insel’. Hier ist der Abstand zum Festland gering, es bedarf lediglich des Überquerens einer der vier Brücken, unabhängig vom Wetter und von Fährverbindungen. Sie ist seit einigen Jahren wieder in einer Tanzschule tätig. Für „Taktlos“ unterrichtet Maila in der ehemaligen Villa Kreuzberg, mit Blick auf den kleinen Zoo direkt unter dem Fenstersims des schönen Saales. Die Gewohnheit mit dem ständigen Wechsel, dem Neuen zu verbinden, will sie als rote Insulanerin treu bleiben. „Obwohl… Wer weiß, was morgen sein wird. La Brel.“

Erika von Hören

Advertisements